Leseprobe

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Beim Verlassen des Zimmers drehte er [der Chefarzt] sich noch einmal schmunzelnd um und sagte: So 'ne 'richtige, deftige Knifte' wäre ja doch sicherlich auch nicht zu verachten!

Hier im Ruhrgebiet verstanden die Bergleute – und ich bin ja ein „Kumpel von Untertage“ – unter ›So 'ne richtige, deftige Knifte‹ zwei Scheiben deftiges Brot 'mit so richtig wat dazwischen' (wie es im Ruhrrevier heißt!), also zwei Scheiben Kasseler oder Paderborner Brot mit hohem Roggenanteil, jeweils eine Seite dick mit Butter beschmiert, und dann mit luftgetrocknetem, westfälischen Schinken oder einer dicken Scheibe Käse aus Holland zwischen den Butterseiten.

Damit hatte mir mein Arzt den Mund so richtig wässrig gemacht, und ich verspürte regelrecht einen riesigen Appetit. Das kennst du doch auch, lieber Chuma, wenn ich jetzt ein Beef Stick aus der Küche hole, dann beginnst auch du zu tropfen. Ja, ja, ich gehe ja schon!«

Ich hatte noch gar nicht ausgesprochen, als Chuma schon zu tropfen begann und mir sogleich erwartungsvoll in die Küche folgte. Ich stillte seinen Appetit und setzte meine Erzählung fort.

»Als das Abendbrot serviert wurde, ließ ich mir meine Beine aus dem Bett wuchten, stand auf und setzte mich an den Tisch. Kasseler Brot, Butter, Schinken und Käse waren da. Ich ließ es mir schmecken. Eigentlich fehlte nur noch das Glas Bier, aber den Früchtetee verschmähte ich auch nicht, da ein Bier sich ja ohnehin nicht mit der Medizin aus den Infusionsflaschen vertragen hätte. So hatte ich mir Gutes angetan und wollte gerade noch einen Joghurt vernaschen, als eine andere Schwester zum Abräumen herein kam. Völlig entsetzt nahm sie mir das Tablett weg, nahm mir den Joghurt aus der Hand, grabschte auch noch alles andere vom Tisch und schimpfte: Das dürfen Sie doch noch gar nicht! Ein wenig verärgert wollte ich sie beruhigen: Dann fragen Sie doch mal den Chefarzt!‹ ›Das werd' ich auch!, war die Antwort. Wenige Minuten später schaute auch schon der Chefarzt leicht grinsend zur Tür herein. Ich sagte: Sie haben mir mit der Knifte den Mund wässrig gemacht, und Sie wissen, was Bergleute unter einer Knifte verstehen!‹ ›Ja, ja!, sagte er, Es ist ja alles richtig. Sie bekommen alles zurück! Ich hatte das schon ernst gemeint! Dabei trat er dann zur Seite und die Schwester kam herein gefegt, brachte das Tablett mit allem zurück und platzierte es vor mir auf den Tisch, und ohne ein Wort war sie so schnell wieder draußen wie sie herein gekommen war und warf die Tür hinter sich zu.

In aller Ruhe verzehrte ich jetzt sehr vergnügt und entspannt meinen Joghurt! Aber mit der Schwester hatte ich es mir total verdorben, was ich später noch zu spüren bekommen sollte.

Ich war sehr erstaunt darüber, dass es mir schon am Tag nach der Operation so gut ging, wobei mir klar war, dass ich das den schmerzlindernden Mitteln zu verdanken hatte. Ich blieb noch etwas am Tisch sitzen und las die Zeitung; den ganzen Tag war ich noch nicht dazu gekommen. Als es für mich an der Zeit war, zu Bett zugehen, setzte ich mich auf die Bettkante und klingelte nach der Schwester, die mir die Beine ins Bett heben sollte. Noch war das zu anstrengend für mich. Wenige Minuten später kam eine Schwester herein mit einem verschmitzt amüsierten Lächeln. Scheinbar hatte sich die Begebenheit schon herumgesprochen. Sie hob mir die Beine ins Bett und deckte mich mit der Bettdecke zu. Dann meinte sie: Der Kunde ist König! Das muss sie noch lernen. Diese Antwort gab mir doch sehr zu denken; denn lebten wir noch zu monarchischer Zeit? Ich komme noch darauf zurück. Beschwichtigend antwortete ich ihr dann: Das muss man gelassen sehen und nachtragend sollte niemand sein! Danach überfiel mich ein tiefer, erholsamer Schlaf, wie ich ihn schon lange, lange nicht mehr verspürt hatte.

Am zweiten Tag, dem Samstag, nach der Operation, kam – wie schon vom Chefarzt angekündigt – der Oberarzt zur Visite. Dies war der Oberarzt, der die Narbe vom Schnitt der Operation des Nabelbruches nicht wieder erkannt hatte und diesen seinem Chef zugeordnet hatte. Jedenfalls war dieser Oberarzt mit dem Verlauf meines Falles bestens vertraut. …. Jedenfalls war dieser Oberarzt mit dem Verlauf meines Falles bestens vertraut. Als er ins Zimmer trat, grüßte er: Guten Morgen, Sie sind ja 'die Katastrophe'!, und betonte dabei das 'die' besonders. Etwas verblüfft fragte ich zurück: Wie kommen Sie denn darauf? Dann klärte er mich auf: Als ich vorgestern am Nebentisch operierte, da hörte ich meinen Chef auf einmal fauchen: 'Das ist ja die reinste Katastrophe'! Sie haben großes Glück gehabt! Wäre Ihnen die Abkapselung zu Hause geplatzt und die Flüssigkeit von der Fäulnisbildung zusammen mit Gallenflüssigkeit in die Bauchhöhle geflossen, dann wären Sie in wenigen Stunden an einer inneren Vergiftung verstorben. Das war fast Rettung in letzter Sekunde! Ich bin ganz erstaunt darüber, wie gut es Ihnen inzwischen schon wieder geht! Ja, und ich bin ganz erstaunt darüber, dass es mit den drei bis vier Tagen nichts wird. Ich muss jetzt länger hier bleiben und vielleicht noch einmal auf den Tisch., wandte ich ein. Daraufhin bekräftigte er seine Ansicht noch einmal: Na, da seien Sie mal richtig froh; denn mit einer solchen Gallenblase hätten Sie Weihnachten wohl nicht mehr erlebt. Das war schon wirklich ernst! Aber bei uns und bei meinem Chef sind Sie ja wirklich in guten Händen. Erst jetzt wurde mir mit diesen Worten richtig bewusst, in welcher prekären Situation ich tatsächlich gesteckt hatte. Und ich erwiderte: Ich beschwere mich ja gar nicht. Als Rentner habe ich ja alle Zeit, und dass ich hier in besten Händen bin, ist mir voll bewusst und das gebe ich auch gern weiter.

 

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